Gemeinsam unsere Zukunft bauen

Gemeinsam unsere Zukunft bauen

Die nächste Infektionswelle rollt in Deutschland heran. Viele Länder sind immer stärker von Corona betroffen. In uns reift mehr und mehr die Erkenntnis, dass uns die Pandemie noch viel länger beschäftigen wird als gedacht. Länger heißt: Jahre! Vielleicht findet die Medizin in ein paar Monaten ein Mittel, um die Symptome der Erkrankungen wenigstens teilweise zu mildern. Dennoch bleibt der Virus gefährlich, für ältere Menschen und auch einige jüngere. Es wird regionale Lockdowns geben, Quarantäne von Personengruppen und Maskenpflicht. 1,5 Meter Abstand und eingeschränkte soziale Kontakte werden Standard. Was bedeutet das für uns? Welche Konsequenzen folgen daraus? Wie werden wir gemeinsam unsere Zukunft bauen, die neue Lebenswirklichkeit? Welche Veränderungen können wir jetzt schon ahnen? Blicken wir auf die Grundfunktionen des Daseins: Wohnen, Arbeiten, sich versorgen (Nahrung, Kleidung etc.), sich bilden, sich erholen, am Verkehr teilnehmen.

Wohnen

Wohnungen werden private Festungen mit limitiertem Zugang für ausgewählte Personen. Wer es sich leisten kann, rüstet sie auf mit hochwertigen vernetzen elektronischen Geräten zur Unterhaltung, Kommunikation, Überwachung und für die Arbeit. Die Mobilität lässt nach. Umzüge werden schwieriger, da sich die BewohnerInnen vor den vielen Fremdkontakten fürchten. Dennoch steigt der Bedarf nach größeren Wohnungen, da ein Raum für das Home Office benötigt wird. Der Bedarf an Bürogebäuden sinkt. Viele Büros werden in Wohnungen umgewandelt. Das entspannt den Wohnungsmarkt. Mieten werden langsamer steigen oder stagnieren, vielleicht sogar sinken.

Darüber hinaus werden Städte wieder an Bedeutung verlieren. Die neuen Home Office-Möglichkeiten führen dazu, dass die Nähe zum Arbeitsplatz weniger relevant und ein Leben auf dem Land wieder annehmbar wird. Das wird Folgen haben: für den Wohnungsmarkt in den Städten (Leerstand, niedrigere Mieten) und für das Land (zunehmende Zersiedelung).

Arbeiten

Eine flexible Mischung aus Bürozeiten und Home Office-Phasen wird zum Standard. Die meisten Meetings finden elektronisch statt. Dadurch steigt der Bedarf an breitbandigen Internet- und Mobilfunk-Netzen. Und es steigt der soziale und politische Druck auf die Provider, die liefern müssen. Führung in diesen Systemen wird zu einer neuen Herausforderung. Die persönlichen Kompetenzen, die Lernbereitschaft, die stärkere Vernetzung, die höhere Eigenverantwortung und Arbeitsdisziplin der MitarbeiterInnen stehen stärker im Mittelpunkt. Die nonverbalen Formen der Selbstdarstellung gehen zurück. Dass elektronische Image dagegen bekommt eine höhere Bedeutung.

Dieser dauerhafte Wandel bringt viele Unternehmen in Schwierigkeiten, vor allem wenn keine Veränderungskultur etabliert ist. In einem typischen deutschen Unternehmen finden sich: wenige StürmerInnen, DrängerInnen und GestalterInnen, viele MitläuferInnen und viele BewahrerInnen des Vorhandenen, welches sie bis aufs Blut verteidigen oder nur sehr zögerlich aufgeben. Professionelle interne Kommunikation und Kommunikationsinstrumente werden zu Schlüsselfaktoren des Unternehmenserfolgs.

Produktionsabläufe und Arbeitsprozesse werden sich an Maskenpflicht, Abstand und radikale Hygiene anpassen müssen. Kantinen, Büros, Maschinen, Arbeitsübergaben – sie alle müssen den Regeln der Pandemie gehorchen. Dadurch werden viele alte Zöpfe abgeschnitten, Gruppenarbeitsformen auf engstem Raum verboten, Maschinen neu konstruiert, Fließbänder verändert etc. Viele Unternehmen stehen jetzt vor der Herausforderung, sich a) geistig vom Alten zu lösen, b) die neuen Bedürfnisse der KundenInnen und Anwender’Innen zu verstehen und das entsprechend umzusetzen. Innovationsdruck und Wettbewerb nehmen zu. Unbewegliche Unternehmen werden vom Markt verschwinden.

Bananen als Symbol fürs Einkaufen

Sich versorgen

Die Stätten des Einkaufs müssen sich an die neuen Hygieneregeln anpassen. Vor allem das Thema Abstand in den Gängen ist oft nicht ausreichend gelöst. Die KundInnen werden immer stärker darauf achten. Zudem werden sie neue Formen der Unterhaltung entwickeln müssen: „Wie kann Einkaufen trotz Hygieneregeln wieder Spaß machen?“

Online-Shopping wird weiter zunehmen. Darum werden viele Geschäfte in Onlineauftritte und -angebote investieren. Es wird für sie auch existentiell sein, endlich mit ihren KundInnen zu kommunizieren, ihre Bedürfnisse und Erwartungen zu verstehen und maßgeschneiderte Angebote zu entwickeln. Das Internet bietet dafür beste Möglichkeiten. Viele Geschäfte werden sterben oder aufgegeben, weil sie keinen adäquaten Onlineauftritt haben, weil es sich offline nicht mehr für sie lohnt oder weil sie den Kontakt zu ihren KundInnen verloren haben. Dies und das zu erwartende Restaurantsterben werden unsere Städte stark verändern. „Wie bleiben oder werden unsere Städte attraktiv?“, diese Frage wird neu im Raum stehen, wenn wir gemeinsam unsere Zukunft bauen.

Elektronisches Bezahlen wird selbstverständlich, weil niemand mehr schmutziges Geld anfassen möchte. Geschäfte, die diese Dienstleistung nicht anbieten, werden schneller sterben.

Sich bilden

Ob Schulen, Universitäten, Fachhochschulen, Akademien oder Einrichtungen der Erwachsenenbildung – sie alle können nicht mehr weitermachen wie zuvor. Strenge Hygienevorschriften, zu kleine Klassenräume, beengte Lesesäle, zu wenig Personal – unser Bildungssystem muss generalüberholt werden. Digitalisierung des Unterrichts, Anmietung von Büroflächen, um den gestiegenen Flächenbedarf zu decken, mehr Lehrkräfte mit Digitalkompetenz. Die explosionsartig entstandenen Anforderungen decken nun auf, dass viele Jahre lang nichts geschehen ist. Es gibt keine digitale Ausstattung, keine wirklich guten digitalen Lehrbücher oder -materialien, keine vernünftige Infrastruktur, keine pädagogischen Konzepte für digitales Lernen, keine geschulten Lehrkräfte. Es gibt nur ein Desaster und verbeamtete LehrerInnen, die lieber in die Verweigerung flüchten als das Heft in die Hand zu nehmen.

Stattdessen haben sich die Behörden nur mit einem beschäftigt: dem Datenschutz. Dadurch sind die absurdesten Regeln entstanden, es müssen Programme verwendet werden, die vernünftig kaum zu bedienen sind und die inhaltlich ein so enges Korsett vorgeben, dass ein individuelles Eingehen auf die Klassen und SchülerInnen nicht möglich ist. Im Bildungsbereich hat das Beamtentum komplett versagt und gehört abgeschafft. Das ist mit die größte Baustelle in unserem Land .

Sich erholen

Ob Schwimmbäder, Kinos, Restaurants, Zoos etc., für alle stellen die Hygienevorschriften eine nahezu unüberwindliche Barriere für eine zukunftssichernde Geschäftstätigkeit dar. Zu wenig zahlende BesucherInnen, zu kleine Räume, zu hohe Ansteckungsgefahr, zu hoher Personalaufwand, oft desaströs heruntergekommene und zu kleine Sanitäranlagen, viel zu kleine Eingangshallen – ohne radikal neue Konzepte ist ein Scheitern all dieser Unterhaltungsstätten unaufhaltsam. Und diese Konzepte sollten in enger Zusammenarbeit mit den KundenInnen geschehen, denn es ist wichtig, dass wir gemeinsam unsere Zukunft bauen.

Freiluftgeschichten (Strand, Freiluftbäder, Seen, Berge etc.) scheinen weniger gefährlich zu sein als all die Aktionen in geschlossenen Räumen – so lange man sich nicht in den Armen liegt und sich längere Zeit eng in der Nähe anderer Personen befindet. Fußballspiele waren Superspreader-Events, aber volle Strände wie auch etliche Demonstrationen waren es nicht, können es aber sein, wenn man Pech hat.

Vögel als Symbol fürs Fliegen

Aber würden Sie geschäftlich oder privat in einem Flugzeug sitzen wollen, wenn hinter Ihnen ein/e Corona-Kranke/r Platz nimmt? Glauben Sie wirklich, dass die Belüftung in Flugzeugen ausreicht, all die Viren wegzusaugen? Fühlen Sie sich wohl, wenn die Flieger genau so voll sind wie vor Corona?

Die Fluggesellschaften werden auf Dauer so nicht weiter machen können. Entweder sie bauen die Flugzeuge um oder sie reduzieren die Anzahl der Passagiere pro Flugzeug stark. Es muss jetzt nur einmal nachgewiesen werden, dass sich Menschen im Flugzeug infiziert haben, dann platzt das gesamte System. Es werden auch viel weniger Menschen beruflich fliegen wollen. Denn Onlinemeetings funktionieren ja auch. Jedenfalls wird das bedeuten: weniger Flüge, Passagiere und Flugzeuge. Die Flugpreise werden deutlich steigen müssen, denn anders können Flüge künftig nicht finanziert werden. Fliegen wird also wieder etwas Besonderes. Urlaube werden künftig wieder stärker dort stattfinden, wo die Reisenden mit dem Auto hinkommen. Fernreisen und Reisen auf Inseln werden unweigerlich zurückgehen.

Hotels dagegen können das ganze Problem relativ einfach lösen: Frühstück, Wellness, Fitness, Bar, Abendessen müssen separat gebucht werden mit Vereinbarung von Zeitfenstern. Die Aufzüge dürfen nur eine Person oder Familie auf einmal transportieren. Wer ein Hotel oder eine Pension bucht, bekommt also erst einmal nur das Zimmer. Es wird aber insgesamt weniger Übernachtungen geben: Geschäftsreisen werden durch Onlinemeetings ersetzt. Ausländische Gäste, die fliegen müssen, bleiben stärker aus, Messen werden ein geringeres BesucherInnenvolumen und kürzere Besuchszeiten haben. Die Anzahl der Hotels wird auf Dauer schrumpfen.

Am Verkehr teilnehmen

Die Menschen in den Städten brauchen Platz als FußgängerIn, als FahrradfahrerIn, für Elektroroller etc. Auf vielen Bürgersteigen ist ein Abstand von 1,5 Metern nicht einzuhalten. Den Platz können die Menschen nur von den Straßen und Parkplätzen bekommen. Also wird es künftig weniger Autos in den Städten geben. Und so lange der öffentliche Personennahverkehr keine vernünftigen Hygienemaßnahmen umsetzt (weniger Passagiere, strenge Maskenkontrollen, saubere, desinfizierte Toiletten, regelmäßige Desinfektion der Waggons etc.), kann er auch nicht als Autoalternative funktionieren. Darum setzen Städter jetzt vermehrt aufs Fahrrad.

Somit haben wir ein Problem. Die Menschen aus dem Umland wissen nicht, wie sie ohne Auto in die Stadt kommen können. Der ÖPNV ist unhygienisch und fährt im Umland viel zu selten. Das Fahrrad ist super, aber die Fahrradwege sind zu wenige, zu eng, zu ungepflegt, zu gefährlich, dem aktuellen Andrang nicht gewachsen. Und wenn es regnet, kalt ist oder schneit, nehmen die Menschen doch das Auto oder mit großem Widerwillen und Angst den ÖPNV („Virenschleuder“).

Auto als Symbol für Verkehr

Aktuell gibt es nur zwei Gewinner: das Auto auf dem Land und das Fahrrad in der Stadt. Aber leider funktioniert das ganze System nicht. Natürlich gibt es Lösungen, andere Städte machen das vor. Das geht jedoch nicht von heute auf morgen. Damit hätte schon vor Jahren begonnen werden müssen. Jetzt stehen wir vor einer riesigen Aufgabe:
– Umbau der Städte,
– radikale Modernisierung des ÖPNV (Hygiene, mehr Platz, hohe Frequenz),
– Bau großer Parkhäuser oder Parkflächen am Rand der Städte,
– Vernetzung aller Verkehrsmittel,
– Vereinfachung des Ticketsystems,
– Einführung bundesweiter oder gar deutschlandweiter Ticketsysteme (Ticket in Hamburg funktioniert auch in München).

Gemeinsam unsere Zukunft bauen

Die Veränderungen werden riesig sein. In 10 Jahren werden wir uns verwundert die Augen reiben. Aber das funktioniert nur, wenn wir gemeinsam unsere Zukunft bauen: In enger Zusammenarbeit mit den BürgerInnenn, auf Basis von intensiver Kommunikation, mit intelligentem Marketing und mit Konzepten, die überzeugen können. Wir werden unser Land umbauen müssen, keine Frage. Aber wir sollten schauen, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Dafür brauchen wir das Rad nicht neu erfinden, denn Städte im Ausland wie zum Beispiel Kopenhagen haben schon längst funktionierende Lösungen umgesetzt. Abkupfern reicht völlig! Auch hier gilt: Gemeinsam unsere Zukunft bauen.